Sonntag, 31. Mai 2009
Aguirre, der Zorn Gothos
Die Geschichte des spanischen Horrorfilmes zu schreiben, ohne Javier Aguirres EL JOROBADO DE LA MORGUE (DIE STUNDE DER GRAUSAMEN LEICHEN, 1972) gesehen zu haben, ist kaum möglich. Das ganze Leid des iberischen Volkes durch die Jahrhunderte in einem Film zu destillieren, nur um ihn dann mit einer Brunnemann-Synchro ("Die Zwei") richtig durchzubumsen und als glückliches Bündel in den Schoß der "Vampir"-gestählten deutschen Horrorfans dieser Tage plumpsen zu lassen - hey presto, das ist schon eine Pfundsidee! Der Film beginnt mit lauschigen Alpenbildern (ohne Kühe), deren grundsätzlich idyllische Natur von der tollen Polkamusik unterstrichen wird. Der deutsche Titel poppt ohne Vorwarnung in diese Pastorale - ein Vorbote, wenn es jemals einen gegeben hat.
Und dann geht's los: In einer Kaschemme, die alles ist, nur keine deutsche Kneipe (obwohl sie genau das sein soll!) geben sich einige besonders debile Medizinstudenten der deutschen Burschenherrlichkeit hin und scheißen einen armen Akkordeonspieler zusammen, der eigentlich gar nicht so schlecht spielt. Diese teutonischen Gegenstücke zu den schlimmsten Daytona-Beach-Exzessen geben sich hemmungslos die Kante und bezeichnen sich als "altes Stinktier", "Meister der Zapfe" und "Du Weltmeister". Der besonders ekelhafte Udo torkelt dann beladen mit Promille heimwärts ("Ich hab' einen Affen zu sitzen, einen riesigen Affen..."), um auf den Dorfbuckligen Gotho zu stoßen (Naschy mit Superbuckel, Perücke und Augenmakeup!), den er ordentlich zur Schnecke macht.
Aber Gotho kriegt seine Rache, denn er arbeitet im Leichenhaus! Und genau dorthin wird Udo eingeliefert, was Gotho die Gelegenheit gibt, ihm Hände und Füße abzuschneiden. We call this mutha revenge! Der Fall wird dadurch kompliziert, daß Gotho (der von so ziemlich der gesamten Dorfbauernschaft behandelt wird wie der letzte Dreck) in stummer Liebe zu Udos Liebschaft Ilsa entbrannt ist, die derzeit sterbend im Hospital zu Feldkirch vor sich hin siecht. Bevor "der bucklige Affe" aber mit Blümlein fein im Hospiz den Witwentröster machen kann, wird er von besonders ekligen Kindern (deren Eltern alle im Opus Dei sind, jede Wette!) mit Steinen beworfen. Einer davon trifft voll auf die Neun! Just zu diesem Zeitpunkt kommt Rossana Yanni des Weges, die im hilft, wofür er ihr die Füße abschleckt! (Yeah, I'm not making this up!)
Im Hospital derweil tragen sich wilde Dinge zu: Ein geheimnisvoller Doktor Orla (gespielt von Alberto Dalbes) befaát sich mit der Erschaffung künstlichen Lebens. Das Ärztegremium (darunter Klinikleiterin Maria Perschy) ist von der Notwendigkeit seiner Versuche nicht unbedingt überzeugt und dreht ihm den Geldhahn ab. Auch sein Assistent Vic Winner und Krankenschwester Rossana Yanni (ja, alle treffen sich in diesem Hospital, der Ort ist klein!) haben so ihre Zweifel. Ilsa derweil (die ganz anders aussieht, als sie heißt) macht den ganz großen Abgang. Als die Pfleger, die sie zu Gotho bringen, pietätlose Bemerkungen machen, kriegt der Buckelmann einen Blutrausch und schlachtet die Spötter kurzerhand ab. (Irgendwer schrieb mal dazu, daß man sich in dieser Sorte Film nur in den kleinen Finger schneiden müsse, um Därme und Gekröse hervorquellen zu lassen. Irgendwer hat recht!) Gotho bringt die tote Angebetete in seinen Hobbykeller (komplett mit Skelett im Sarg, Anschnalltisch und Folterketten - super!) Die Rattenfrage hat Gotho hier aber noch nicht so recht im Griff: In der mit Abstand ekligsten Szene des Filmes findet er seine angeknabberte Geliebte im Zwiegespräch mit den Nagern. Keine Ahnung, wie die die Arpón dazu gekriegt haben, die Ratten auf sich rumkrabbeln zu lassen. Gotho fackelt die Viecher dann ab. Das finde ich als geistiger Tierschützer nicht gut. Zwar habe auch ich früher Ameisen mit Lupen verkokelt, und Ratten fallen nicht wirklich unter den Artenschutz, aber sie leinwandmäßig durchzugrillen, finde ich nicht schön. Merke: Das Leid eines jeden Lebewesens sei dem guten Menschen heilig. Auch der Gotho in uns allen sucht eine Insel der Liebe. Wie meinte Ilsa vorher zu Gotho? "Es gibt viele, die dich gern haben, Gotho!" Ja, genau. Zum Beispiel die Studenten, die ihn gut rannehmen ("Käfig Nummer Fünf hat wieder Ausgang!") und danach erst einmal abbölken. ("Die hat'n Steinadler in der Bluse!" - "Das war'n D-Zug mit 10 Wagen, was?")
Dr. Orla kann mit den Umtrieben des Glöckners gut leben, denn er plant die Fortführung seiner Experimente in Gothos Hobbykeller. Als er Vic dem Winner sein dort eingerichtetes Labor zeigt ("Mein Kompliment, es ist alles da!"), fällt besonders das Schwefelsäurebecken ins Auge. ("Es muß alles seine Ordnung haben!") Jau, der Film macht keine Gefangenen, Vollgas bis ins neue Jahrtausend! Als die drei schinkenhägersaufenden Lastenträger den ebenso spontanen wie eigenmächtigen Einfall haben, die gut angegammelte Ilsa ins Säurebecken zu hieven, hat Gotho wenig Verständnis mit dieser eindeutigen Kompetenzübertretung: Kleine Fleischstücke blubbern im Becken an die Oberfläche, als die Handwerker ihr grimmes Geschick ereilt. Die "plasmoiden Zellen" des Dr. Orla wachsen derweil zu preiswürdigen Dimensionen heran: Was zunächst aussieht wie ein Glascontainer voll mit grauen Plastikkutteln (in den der Doktor in einer besonders guten Szene einen abgetrennten Pappkopf einfach oben reinschiebt - medizinische Feinarbeit!), muß später in ein Verlies eingesperrt werden, wo es grunzt wie ein Bayer im Bierzelt. Gotho muß für diese wissenschaftliche Entgleisung ständig neues Frischfutter heranschaffen. In einer Szene flüchtet er vor der Polizei direkt in das Schlafzimmer von Rossana Yanni. Diese bescheidet ihm: "Liebe ist immer wichtiger als Schönheit!", worauf er ihr erneut die Füße leckt. Und dann kommt tatsächlich eine gut motivierte Sexszene! Jau... Wenn dann am Schluß das Monster aus dem Kerker ausbricht, sieht es aus wie Mastroianni in DAS GROSSE FRESSEN, nachdem die Toilette explodiert ist. In einem totalen Cookout - oder besser: Kackout! - wendet sich der gebeutelte Bucklige gegen seinen Meister und rettet für die Helden den Tag.
Ein brillianter Film - Ende, Aus, Apfel! Was Aguirre hier zusammengebaselt hat, ist eines der unterhaltsamsten Beispiele gotischen Grand Guignols, das ich jemals gesehen habe. Vollkommen sinnlos, aber dennoch mit einer rührenden Motivation ausgestattet (der bucklige Dorftrottel als Neuauflage des Boris-Karloff-Prinzips vom tragischen Butzemann), läßt der Film seine Handlung außer Rand und Band geraten. Die deutsche Fassung ist zwar oberflächlich kürzer, aber es fehlen keine substantiell bedeutsamen Sachen, Gore schon gar nicht, die Fassung ist halt a bissele sprunghaft. Die tolle Synchro macht den Film erst recht zum Leckerli für harte Gaumen. Naschy hat hier vermutlich seine beste Rolle (er bekam auch diverse Preise dafür). Mit Sicherheit auch einer seiner gelungensten Filme. Das macht so viel Spaß, daß man fortwährend in die Hände klatschen möchte!
Kurz erwähnt sei der zur gleichen Zeit entstandene EL GRAN AMOR DEL CONDE DRACULA (DRACULA'S VIRGIN LOVERS), in dem Aguirre weitgehend dieselbe Besetzung versammelt hat, ohne allerdings das unbändige Delirium von JOROBADO zu erreichen. Stattdessen erzählt er die Geschichte des vampirischen Dr. Kargos, in dessen Fänge Vic Winner und vier schöne Frauen geraten, da wieder einmal die Kutsche zusammenkracht! Man beschied Naschy damals, er habe kaum die richtige Physiognomie für den Vampirgrafen, was wohl auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Die drallen Damen - Rossana, Ingrid Garbo, Mirta Miller und die Rohmer-Interpretin Haydée Politoff - haben aber die richtige Körpersprache für die vielen Sexszenen, und das ist hier auch viel wichtiger. Der Graf ist nämlich ein richtiger Schmecklecker! Also: Sexträchtiges Geschrammel im "Hammer"-Umfeld. Ordentliche Unterhaltung ohne besondere Meriten.