Mittwoch, 28. Dezember 2011
Die gestiefelte Katze
Kaneto Shindo hatte bereits 1964 mit ONIBABA einen Horrorfilm gezeigt, der aus geradezu feministischer Sicht die Männerwelt des Japan der kriegsdurchzogenen Nach-Shogun-Periode beleuchtete. Mit YABU NO NAKA KURONEKO (KURONEKO, 1968) bereicherte er die Tradition der „bakeneko mono“, der Katzengeistergeschichte, mit dieser Sichtweise. Es geht um zwei Frauen, Mutter und Tochter, die - wie in ONIBABA - in einer einsamen Hütte wohnen. Anders als die beiden Frauen des Vorläufers sind sie der Willkür der herumstreifenden Soldaten schutzlos ausgeliefert. Als eine Horde von versprengten Totmachern vorbeikommt, werden die Frauen unzählige Male vergewaltigt, die Hütte über ihrem Kopf angezündet. In den rauchenden Trümmern liegen ihre auf merkwürdige Weise kaum versehrten Leichen. Eine Katze gesellt sich hinzu und miaut. Das Verbrechen soll aber nicht ohne Folgen bleiben, denn die Frauen sind noch da. Sie sind noch da, und sie nähren sich vom Blut ihrer einstigen Peiniger... In den klassischen Katzenhorrorfilmen stellen die Katzengeister gerne eine Verbindung zwischen der Natur und der Unnatur her. Die Unnatur kommt meistens vom Menschen, der durch Hochmut oder Gier das Gleichgewicht ins Wanken gebracht hat. Kaneto Shindo hatte dieses ständig bedrohte Gleichgewicht der Natur bereits in ONIBABA eindrücklich bebildert. Auch in KURONEKO hätte es - zumindest in einem angelsächsischen Film - nahegelegen, die Geisterfrauen als weibliche Sukkubi dazustellen, als Ausdruck männlicher Angst vor der vermeintlichen Bedrohung, die das andere Geschlecht verkörpert. Auch in KURONEKO spielt Sexualität eine große Rolle, und sie beschränkt sich erneut nicht nur auf nacktes Fleisch und lustige Lümmel. Bereits in der prosaischen Anfangsszene, die in der Vergewaltigung der Frauen resultiert, sieht man die Soldaten, wie sie sich am Wasser laben und mit grimmigen Gesichtern Reis in sich hineinschlingen. Selbst die Nahrungsaufnahme wird zu einem Akt der Gewalt bei Menschen, die sich über Gewalt definieren. Wenn die Frauen später als Untote wiederkehren, vergelten sie Gleiches mit Gleichem: Ein anfängliches Liebesspiel wird zu einem Akt des Reißens, der das Blut sprudeln läßt. Die Bewegungen der Frauen sind, wenn ihre neue Natur das Regiment übernimmt, tierisch, katzenhaft, ihre Rache ist eine Rache der Natur an der degenerierten Brutalität der Männer. Trotz des historischen Hintergrundes verzichtet Shindo erneut auf jegliches dekorative Kostümfilm-Ambiente. Die Natur von KURONEKO ist schwarzweiß, omnipräsent und weder gut noch schlecht. Dem Film geht zwar die zerquetschende Qualität von ONIBABA ab, aber er trifft dennoch sein Ziel. Er schildert das Versagen der gesellschaftlichen Realität wie der idealisierten Vergangenheit. Ich freue mich immer maßlos, wenn ich Filmen begegne, die sich weigern, sich in einer nichtssagenden Repetition vorgefundener Formeln zu erschöpfen. Das japanische Kino war schon immer von einer großen Formelhaftigkeit geprägt gewesen, die wohl der Kulturgeschichte des Landes zu verdanken ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden japanische Künstler dazu gezwungen, sich auf andere Einflüsse zu konzentrieren, die gerade von jüngeren Geistern willig aufgesogen wurden. Das Ergebnis war keine platte Pastiche, kein billiges Nachbilden vorgeformter Fremdmodelle, sondern ein sehr schönes, manchmal sehr weises Annehmen fremder Konzepte, die auf spezifisch einheimische Weise reinterpretiert wurden. Kaneto Shindo war schon damals nicht jung (56), und heute ist er der weltweit zweitälteste noch praktizierende Regisseur, aber er bastelte in seinen beiden berühmten Beiträgen zum Horrorgenre allgemeingültige Paraphrasen auf den Geschlechterkampf, die sich im Zusammenhang mit der japanischen Kultur wahrhaft revolutionär ausnehmen. In einem späteren Artikel werde ich vermutlich noch die mutige und gänzlich unverkitschte Weise behandeln, mit der sich japanische Künstler der Frage der männlichen und der weiblichen Sexualität annahmen. Man kann in Exegesen von Horrorfilmen immer argwöhnen, bei der Verwendung weiblicher Dämonen möge die Angst vor dem Weiblichen Pate gestanden haben, vor Titten, Muschi und vor allem Uterus. In vielen Fällen ist das wohl sogar berechtigt. Aber es gibt eben auch zahlreiche Beispiele, wo das eben nicht der Fall war. Kaneto Shindos ONIBABA hatte vorgemacht, wie man dargestellte Sexualität in einen Zusammenhang stellen kann, der die Irrläufer, die Mutationen gesunder Sexualität aufzeigt, ohne Sexualität an sich zu diffamieren. Ich bin niemals jemand gewesen, der sexuelle Darstellung um der Lusterzeugung willen abgelehnt hat - das weiß jeder, der meine Texte kennt -, aber ich stehe in Ehrfurcht vor Werken, die Sexualität zum Thema gemacht haben, mit all ihren Ecken und Kanten. Gerade im japanischen Kino war das recht häufig der Fall, und jenseits von Shindo bastelten junge Regisseure (wie Koji Wakamatsu, Shuji Terayama oder Nagisa Oshima) an überaus fruchtbaren Alternativen zum allgegenwärtigen Gestopfe. Auch hier winkt ein Artikel. KURONEKO zeichnet männliche Willkür und die daraus geborenen - oftmals historischen - Fehlleistungen als grausige Fantasie, die sich innerhalb einer Natur abspielt, die von dem Ganzen völlig unberührt bleibt. Angelsächsische Übungen zum Thema (etwa von Hammers Konfektionsregisseur Terence Fisher) werden manchmal mit dieser Ehre beweihräuchert. Tatsächlich wirken sie - verglichen mit Werken wie jenen von Shindo - wie unfertige Skizzen, wie der gute Gedanke, der letztlich den Kniefall vor den Konventionen eingeht. „It´s a samurai´s world!“ meint einer der herumstreunenden Soldaten, der kurz darauf ins Gras beißt. Ich fühlte mich an „It´s a man´s man´s man´s world“ von James Brown erinnert, der kurz darauf ja auch einsaß, weil er seine Frau verdroschen hat. In KURONEKO beißen die Frauen zu. Und damit hat es sich. Ich habe mir nach Betrachten meiner lausigen Kopie gleich mal die britische Veröffentlichung geordert, und ONIBABA und KWAIDAN gleich mit, hähä!