Mittwoch, 28. Dezember 2011
Geisterquartett
Neben UGETSU MONOGATARI und ONIBABA gilt KWAIDAN (1964) als der international einflußreichste aller japanischen Horrorfilme der klassischen Periode. Dieses Quartett von Geistergeschichten, die auf Erzählungen des englischen Schriftstellers Lafcadio Hearn basieren, stellte einen gezielten Versuch des berühmten Filmemachers Masaki Kobayashi dar, traditionelle japanische Erzählkunst für ein außerjapanisches Publikum bekömmlich zu machen. Dies bewerkstelligte er mit dem damals teuersten japanischen Film aller Zeiten. Kurz vorher hatte Kobayashi mit dem meisterhaften SEPPUKU (HARAKIRI) die Goldene Palme von Cannes errungen. Diesem Prestigegewinn war es wohl zu verdanken, daß die japanische Geistergeschichte in einem Prunkgewand präsentiert wurde, das neben dem Publikum des Filmes auch viele Horrorschriftsteller wie -filmemacher entschieden prägte. Dabei ist das Tempo, das KWAIDAN anschlägt, ein für westliche Empfindungen sehr gemächliches. Die Geschichten erscheinen als wunderschön arrangierte Spaziergänge durch eine artifizielle Welt, die dem internationalen Betrachter ebenso fremdartig erscheinen muß wie die Welt der Geister, die hier mit dem alten Japan identisch wird. Anders als in angelsächsischen Geistergeschichten fehlt den Histörchen der moralische Zeigefinger. Hat der Protagonist, der in die Geisterwelt westlicher Prägung eintaucht, meist eine Schuld zu sühnen oder die Schuld eines anderen zu bereinigen, so trifft es bei Kobayashi/Hearn auch gänzlich Unschuldige, die vom Strom der Geschichte mitgerissen werden und nicht selten unter die Räder kommen. Die Geister sind Wesen, die parallel zu den lebenden Menschen existieren. Manchmal ist es auch hier eine Schandtat von einst, die ihre Finger nach der Gegenwart ausstreckt. Aber es kann auch ebensogut der Widerhall einer Vergangenheit sein, die nicht vergessen werden will. Episode 1 ist eine eminent traurige Geschiche, die von einem Samurai handelt, der seine Frau verläßt, um Ruhm und Reichtum zu erlangen. Da sein Lehnsherr gestorben ist, muß er dafür seine alte Wirkungsstätte fliehen und läßt ein gebrochenes Herz zurück. Woanders heiratet er die Tochter eines reichen Mannes. Doch der neuen Ehe ist kein Segen beschieden. Die Frau ist kapriziös und störrisch. Immer mehr wünscht er sich das häusliche Glück von einst zurück. Schließlich erträgt er es nicht mehr und sucht die von ihm verlassene Frau. Er findet sie in einem heruntergekommenen Haus, wo sie ihn warm empfängt. Doch er muß erkennen, daß sich ein vergangenes Glück nicht so ohne weiteres wiederherstellen läßt... Was diese Geschichte verkörpert, ist die Fehlbarkeit des Samuraisystems vergangener Tage. Der Mann fühlt sich zuallererst der Ehre verpflichtet, der Idealvorstellung von Männlichkeit, die sich nur im finanziellen Wohlstand verwirklichen läßt. Um diesen zu erlangen, stößt er alles von sich, was er in Wahrheit besessen hat. Es gibt Anklänge an UGETSU MONOGATARI, aber auch an Kobayashis früheren HARAKIRI, der ebenfalls das alte Klassensystem der Shogun-Periode tadelte und von trügerischen Ehrbegriffen berichtete. Wer neue japanische Horrorfilme schätzt, wird auch hier bereits feststellen, daß Frauen mit langen schwarzen Haaren nicht immer eine gute Botschaft sind... Episode 2 handelt von zwei Holzfällern, die in einen Schneesturm geraten. Der ältere der beiden Holzfäller wird Opfer einer geisterhaften Vampirin, die aber Mitleid mit dem jungen Mann hat und ihn verschont. Allerdings macht sie zur Auflage, daß er unter keinen Umständen jemals etwas von diesem Vorfall erzählt. Die Jahre gehen ins Land. Der junge Holzfäller ist jetzt ein erwachsener Schuhmacher geworden und hat eine schöne Frau geheiratet, die ihm mehrere Kinder geboren hat. Doch eines Nachts passiert, was passieren muß: Er gerät ins Plaudern... Die Strafe für böses Tun scheint hier etwas überzogen, da der junge Mann nur sehr menschlich handelt. Vor einem europäischen Gerichtshof hätte man ihn wahrscheinlich freigesprochen. Doch was hier bestraft wird, ist eben nicht nur der Unglauben an das Übernatürliche, sondern der Vertrauensbruch an sich. Die Vampirin ist still in ihn verliebt, und was er tut, ist schlimmer als ein Mord: Er stellt sich gegen sie, er mißbraucht ihre Gefühle, er tötet alles, was ihm an Schönem im Leben gewachsen ist. Auch hier empfiehlt es sich, Taschentücher bereit zu halten. Für Episode 3 sollte man eher zu Q-Tips raten: In dieser mit Abstand längsten und bekanntesten Geschichte geht es um den blinden Lautenspieler Hoichi, der wie kein zweiter die Geschichte der untergegangenen Heike-Dynastie zu besingen vermag. Als er eines Nachts einen Tempel bewacht, erscheint auf einmal ein Krieger, der ihn vor ein erlauchtes Tribunal beordert. Vor den Geistern der Oberen des Heike-Clans soll er von ihrem tragischen Schicksal singen. Das geht einige Nächte gut, aber als ihm einige Tempeldiener nächtens folgen, erleben sie die unheimliche Privatvorstellung. Der Tempelherr läßt daraufhin den Musiker von Kopf bis Fuß mit heiligen Schriftzeichen bemalen. Nur eine Stelle hat man dabei vergessen... Hoichi ist das deutlichste Beispiel des Filmes für einen Unglücklichen, der schuldlos in die Fänge sowohl der Menschen als auch des Geisterreiches gerät. Er ist begnadet, er ist vom Schicksal geschlagen - er ist verratzt! Immerhin läßt das Ende ihm eine gewisse Kompensation zukommen, aber die Geister der Historie Japans können eben nur besänftigt werden, indem man ihnen Tribut zollt... Der Film endet mit einer kurzen und relativ leichten Episode, in der ein politischer Würdenträger - ein Kriegsherr, der es zu etwas gebracht hat - mit einem Geist konfrontiert wird, der ihm in einer Tasse Tee erscheint. Da Macht korrumpiert und gelegentlich auch dumm macht, glaubt er allen Ernstes, im Kampf gegen die Schatten bestehen zu können, doch auch sein Hochmut wird bestraft... KWAIDAN mag ein wenig auf den internationalen Markt zugeschnitten sein, aber er ist so prachtvoll anzuschauen, daß einem das Wasser in die Augen steigt! Kobayashi ließ die Geisterwelt seines Filmes in einem alten Flugzeughangar bauen. Die Bemalung der Bauten übernahm er sogar höchstselbst, damit auch wirklich alles die richtige Note besitzt. Das Resultat ist einer der schönsten und zauberhaftesten aller Horrorfilme - eine Reise in ein Land, wo Geister nicht nur Schreckgestalten und Zerrbilder des Lebenden sind, sondern ihre eigene Schönheit und Würde besitzen.