Mittwoch, 28. Dezember 2011
Schuldfalle
Das Konzept des Strafgerichts, das einen nach dem Tode erwartet, existiert in allen populären Religionen. Ein Ungleichgewicht, das auf Erden besteht, soll damit im nächsten Leben ausgeglichen werden. Was für die einen die längste Praline der Schattenwelt ist, wird für den Studenten Shiro zur ewigen Pein. Das Leben könnte so schön für ihn sein, hat ihm seine geliebte Yukiko doch gerade das Jawort zur Verlobung gegeben. Doch ist er mit einem Ko-Studenten namens Tamura unterwegs, und jener ist ein „juvenile delinquent“, ein „hellraiser“, ein unangepaßter Tunichtgut mit deutlich diabolischem Blick. Tamura brettert mit seinem Wagen einen Betrunkenen um, der an den Folgen des Unfalls stirbt. Zunächst scheint es so, als seien sie von niemandem bei der Fahrerflucht beobachtet worden. Aber Tamura gehörte zur Yakuza, und die hat ihre eigenen Gesetze und Möglichkeiten. Schon bald muß der eigentlich freundliche und fromme Shiro entdecken, daß auf unrechtem Tun kein Segen liegt. Und Blut führt Blut mit sich... In JIGOKU (1960), seiner 100 Minuten langen Mahnung vor den Gefahren eines unsteten Lebenswandels, geht Nobuo Nakagawa noch um einiges weiter, als dies bei zahlreichen Moralisten seiner Tage der Fall zu sein pflegte. Da wäre zuerst einmal die formale Seite: Waren die meisten der früheren Filme des Regisseurs eher in einem klassischen Stil gehalten, der die Handlungen der Figuren mit kühler Strenge schilderte und nicht selten auf jene stilisierte Weise formulierte, die den alten japanischen Theatertraditionen entstammt und in sich bereits ein moralisches Gerüst konstituiert, so ist es hier das Miteinander von klassischen und modernen Szenen, das dem Film seine umwerfende Wirkung beschert. Der Film beginnt bereits mit kurzen Höllenszenen, wie man sie sich wunderbar in einem Kabuki-Stück vorstellen kann: Der hilflose Mensch wird in einen feurigen Schlund hineingeworfen und findet sich am Ufer eines Höllenflusses wieder, an dem er sich seiner neuen Existenz erst einmal bewußt werden muß. Ist dies geschehen, führt ihn sein Weg direkt in die Arme des Herren der 8 buddhistischen Höllen. Da auch der Weg illustriert werden muß, der einen in solcherlei Ungemach stürzt, gibt es über den Vorspann hinweg bereits milde Sexploitation geboten, zu sehr wilder und von irritierenden Babyschreien unterbrochenen Jazzmusik gereicht. Mit den Babyschreien ist das so eine Sache: Zum einen verkörpern sie natürlich den unschuldigen Urzustand des Menschen, frisch geschlüpft, lange bevor das große Rad die karmische Verstrickung an das Licht des Tages befördern kann. Zum anderen symbolisiert es aber auch den braven Pfad, der den Protagonisten Shiro in die Arme von Familie und Kindersegen geführt hätte. Doch eine wirkliche Chance hat er nicht, da sein Shiro-Konto bereits vor der Geburt überzogen war. (Erschießt mich bitte!) Verglichen mit der christlichen Moralwelt schaltet der Versucher nämlich gleich in den Overdrive. Der offensichtlich als Schabernack treibender Dämon angelegte Tamura steuert den braven Studenten immer weiter in den Morast der Sünde hinein. Durch sein Zutun hat Shiro im Grunde überhaupt keine Chance, seinem Geschick zu entrinnen. Bizarre Umstände, die man als extrem glücklich für den Delinquenten empfinden könnte, wäre da nicht die Sache mit dem Gewissen, lassen ihn seiner weltlichen Bestrafung immer wieder entgehen, doch verstricken sie ihn auch immer tiefer in Schuld, werfen Sündenscheit um Sündenscheit auf das Fegefeuer, bis am Schluß alles lichterloh brennt. Denn natürlich führt der Weg schließlich an den Ort, an dem der Junge mit dem Dreizack und dem Schwefelgeruch sein Tagewerk verrichtet bzw. seine buddhistische Entsprechung, die nicht weniger unerfreulich anmutet. Hier dreht Nakagawa so richtig auf und bietet mit einer für die Entstehungszeit des Filmes beeindruckenden Drastik einen mit mathematischer Präzision gestaffelten Katalog der Greuel an, mit denen die Sünder für ihre jeweiligen Verfehlungen so richtig abgeledert werden. Da werden Zähne ausgeschlagen, Gliedmaßen abgetrennt, Leiber zersägt und Menschen in Blutmeeren gewaschen, daß es nur so eine Art hat. Die haarigen Teufelchen lassen sich nicht lumpen und drangsalieren die Sündenfälle mit großer Inbrunst und Kompetenz. In knalligstem Technicolor werden die Ex-Menschlein an Körper wie Seele geknechtet und bis in alle Ewigkeit mit ihren irdischen Verhexungen konfrontiert. Am Schluß rennen alle im Kreis, das Rad verfolgend, auf dem auch das ungeborene Baby Shiros gelandet ist, denn auch vor den eigenen Eltern zu sterben, gilt als Sünde. Abgesehen davon, daß hier wohl eher ein gleichzeitiger Tod vorliegt, aus dem einen jeder Pflichtverteidiger herauspauken können sollte, finde ich das übrigens etwas kleinlich. Schließlich hat Shiro von Anfang an verkackt, da das Glücksrad nicht sein Freund ist. Aber, das alte Problem: Wo ist die Beschwerdestelle? Die stark an das europäische New-Wave-Kino der 60er Jahre erinnernde Grellheit nicht nur der Höllenszenen, sondern auch der bereits im Erd-Teil auftauchenden sündhaften Einsprengsel sollte übrigens viele junge Filmemacher in Japan erreichen und das Lebensgefühl der neuen Generation widerspiegeln, die sich nicht nur von der strengen Tradition des Landes, sondern auch von den rigiden Auflagen der Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg zu lösen begann. In Nakagawas Höllenvision wurde das einfach zu überwältigender Kunst und zu seinem rückblickend vielleicht schönsten Film, der in Japan auf DVD erschienen ist, erfreulicherweise englisch untertitelt. So kann man auch hierzulande die tanzenden Teufel bewundern, die mehrere Jahre vor Herschell Gordon Lewis bereits andeuteten, wo der Höllenfrosch die Locken hat!